inklusion

 

Was wir Erwachsenen von den Kindern lernen können

Was für uns Erwachsene offensichtlich und prägnant ist: Philipp sitzt im Rollstuhl.

Was ist passiert? Kann man Philipp helfen? Darf ich Philipp fragen, warum er im Rollstuhl sitzt, oder mache ich damit was falsch? Das sind die Fragen, die uns als erstes im Kopf herumschwirren.

Kinder denken anders!

Deshalb haben wir als BetreuerInnen der OGS kurze Interviews auf dem Schulhof geführt.

Die Ausgangsfrage war dabei immer dieselbe:

Was möchtest Du Philipp gerne fragen?

Tim (7) „Wie entsteht eine Welle?“

Philipp „Das muss ich dir aufzeichnen. Ich hoffe das ist auch richtig. Komm wir holen Stift und Papier.“

 

Nico (7) „Möchtest Du mit mir spielen?“

Philipp „Ja gerne. Was möchtest Du spielen?“

Nico „Tischtennis.“

Philipp „Ok, aber ich gewinne.“

 

Lani (7) „Darf ich Fahrrad fahren?“

Philipp „Haben wir schon 14 Uhr, dann ja. Vergiss nicht den Helm aufzusetzen.“

 

Sophie (8) „Wie alt bist Du?“

Philipp „Ich bin 29 Jahre alt.“

 

Lena (10) „Wo wohnst Du?“

Philipp „Ich wohne in Wuppertal. Das ist ungefähr eine Stunde mit der Bahn entfernt.“

Lena „Kommst Du jeden Tag aus Wuppertal hier hin?“

Philipp „Ich wohne für die Zeit in der ich hier bin bei meinen Eltern in Nievenheim.“

Lena „Und wie kommst Du in die OGS?“

Philipp „Ich fahre mit dem Rollstuhl. In 5 Minuten bin ich hier.“

Wie man an den ersten Fragen der Kinder sieht, fällt der Rollstuhl nicht auf. Erst als der Rollstuhl angesprochen wurde, kamen Fragen zur Behinderung.

Fatoumata (8) „Wie ist es, im Rollstuhl zu sitzen?“

Philipp „Cool, weil ich immer der schnellste beim Wettrennen bin. Außerdem habe ich immer einen Sitzplatz. (lacht)“

Fatoumata „Und wie gehst Du schlafen?“

Philipp „Ich lasse meinen Rollstuhl vor dem Badezimmer stehen und putze mir im Bad die Zähne. Dann klettere ich in mein Hochbett und höre noch etwas Musik zum Einschlafen.“

 

Jill (9) „Kannst Du gehen? „

Philipp „Ja, ich kann ca. 200 Schritte gehen.“

 

Dean (7) „Wie kannst Du kochen?“

Philipp „Da meine Küche zu hoch ist, um in meinem Rollstuhl sitzend zu kochen, nutze ich einen Hocker damit ich in die Töpfe gucken kann.“

 

Helen (8) „Gehst Du gerne schwimmen?“

Philipp „Ja, dabei schwimme ich nur mit den Armen und lasse meine Beine einfach hängen.“

Helen „Ich habe schon das Seepferdchen.“

Philipp „Cool, ich auch!“

 

Melina (8) „Kannst Du Treppen gehen?

Philipp „Ja, aber es dauert ein bisschen länger. Aber wenn ich in den achten Stock muss, nehme ich lieber den Aufzug.“

Melina „Und wie machst Du das, wenn es keinen Aufzug gibt?“

Philipp „Dann laufe ich eben, oder lasse mich von Freunden tragen.“

 

Tyrese (10) „Warum sitzt Du im Rollstuhl und seit wann?“

Philipp „Seit der Geburt, wegen einer Tetraspastik.“

Tyrese „Was ist eine Tetraspastik?“

Philipp „Oh, das ist kompliziert. Die Tetraspastik entsteht, wenn das Gehirn bei der Geburt zu wenig Sauerstoff bekommt.“

 

Timo (10) „Kannst Du Fahrrad fahren?“

Philipp „Ja, ich habe ein Fahrrad bei dem ich mit den Händen „trete“.“

 

Ian (7) „Was machst Du hier in der OGS? Wieso bist Du hier?“

Philipp „Ich wollte mal eine Zeit lang mit Kindern arbeiten, weil ich das noch nie gemacht habe. Außerdem wollte ich euch mal Rollstuhlbasketball zeigen, weil ich das schon sehr lange spiele.“

 

Lukas (9) „Wo arbeitest Du sonst?“

Philipp „Ich arbeite in zwei Wochen bei einer Firma in Schwelm, die Webmaschinen baut.“

Lukas „Das ist schade, weil wir dich vermissen werden.“

Philipp „Ich werde euch auch alle vermissen.“

 

Für mich als Rollstuhlfahrer ist es immer wieder schön zu sehen, wie Kinder mit Behinderungen umgehen. Ich erlebe jeden Tag, wie mich Kinder oder ihre Eltern neugierig fragen, warum ich einen Rollstuhl benutze. Wenn die Frage direkt an mich gestellt wird, antworte ich gerne offen und ehrlich. Den Eltern ist dieser Umgang mit meiner Behinderung häufig unangenehm.

Gerade, wenn Kinder nicht mich, sondern ihre Eltern fragen, warum ich im Rollstuhl sitze, kommt fast immer eine ausweichende Antwort, die den Kindern vermittelt, dass man behinderte Menschen in Ruhe lässt.

Aus meiner Sicht ist es schade, weil die Kinder mit dem Gefühl aufwachsen, behinderten Menschen aus dem Weg gehen zu müssen. Es entsteht die Angst immer falsch mit behinderten Menschen umzugehen.

Mein Tipp: Immer offen auf behinderte Mitmenschen zugehen und jede Frage ihrer Kinder zulassen, nur so werden behinderte Menschen zukünftig in der Gesellschaft integriert.

Für mich war es sehr schön, vier Wochen lang mit den Kindern zu arbeiten. Da ich früher auch als Grundschüler hier an der Salvatorschule war, habe ich mich sehr über die Einladung für das Projekt gefreut. Ich habe es sehr genossen mit den Kindern Inklusion zu leben.

 

Philipp Vitt und Fabian Lukac

 

 

Grafik:  http://www.inklusives-mainz.de/wp-content/uploads/2014/05/Schaubild-Exklusion-zur-Inklusion.png